Am Israelsonntag, dem 10. Sonntag nach Trinitatis, stehen im evangelischen Kirchenjahr das Gedenken an die Zerstörung des Tempels in Jerusalem (70 n. Chr.) und die grundlegende Beziehung zwischen Kirche und Israel, d.h. von Christentum und Judentum im Zentrum.
Die Zerstörung des Tempels wurde lange antijüdisch als Strafe Gottes für die Ablehnung Jesu als Messias gedeutet, und der Triumph der Kirche der angeblichen Verwerfung Israels gegenübergestellt. Das Gedenken an die Zerstörung Jerusalems kann deshalb nicht begangen werden, ohne sich in Erinnerung zu rufen, dass Gott Juden und Christen zu seinen Zeugen und zu Erben seiner Verheißung gemacht hat.
Im Grundartikel der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) heißt es: „Aus Blindheit und Schuld zur Umkehr gerufen, bezeugt sie (die EKHN) neu die bleibende Erwählung der Juden und Gottes Bund mit ihnen. Das Bekenntnis zu Jesus Christus schließt dieses Zeugnis ein.“
Der Gottesdienst wird von Pfarrerin i. R. Ulrike Schmidt-Hesse, Evangelische Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Darmstadt geleitet. Organist ist Wolfgang Kleber.
Nach einer kurzen Pause findet um 10:45 Uhr eine Aufführung des Werkes „Kol Nidre“ von Arnold Schoenberg statt.
Arnold Schoenberg, der 1898 zum Christentum konvertiert, war, musste Deutschland 1933 verlassen. Im Rahmen einer Zeremonie in Paris kehrte er zum Judentum zurück. Einen Monat später emigrierte er in die USA.1938 lud Rabbi Sonderling, ein deutscher Emigrantenrabbiner, Schönberg ein, eine völlig neue Version von Kol Nidre für die Society for Jewish Culture – Fairfax Temple in Los Angeles zu komponieren.
Kol Nidre wird traditionell am Vorabend von Jom Kippur, dem Versöhnungstag, kurz vor Sonnenuntergang in der Synagoge rezitiert oder gesungen. Es handelt sich dabei um eine frühmittelalterliche, formelhafte Rechtsproklamation auf Aramäisch, die Juden von bestimmten Gelübden freispricht, die sie von einem Jom Kippur zum nächsten abgelegt haben. Hierbei handelt es sich um Gelübde, die die Interessen anderer nicht beeinträchtigen – Gelübde, die vorschnell, impulsiv, unabsichtlich oder ohne gebührende Berücksichtigung aller möglichen Konsequenzen abgelegt wurden.
Kol Nidre betrifft aber keine Übertretungen gegen Menschen. Schoenberg hat den alten Text weiterentwickelt und eine völlig neue Vertonung geschaffen. Die Orgelfassung stammt von Leonard Stein, einem Schüler Schoenbergs.
Zur Aufführung:
Arnold Schoenberg (1874 - 1951):
Kol Nidre op. 39 für Sprecher (Rabbi), gemischten Chor, Orgel und Schlagzeug (Fassung von Leonard Stein)
David Pichlmaier, Sprecher
Wolfgang Kleber, Orgel
Jürgen Karle, Schlagzeug
Bessunger Kantorei
Leitung: Joachim Enders